ANSTELLE EINES BEICHTSPIEGELS

Der ganze Empfang des Bußsakramentes ist ein Gebetsvorgang.
Das scheint selbstverständlich zu sein. Das wird aber durchaus nicht von allen so aufgefaßt oder gar praktiziert. Manche beten vorher zum Heiligen Geist, dann suchen sie ihre Sünden zusammen, dann schalten sie wieder auf Gebet. Man kann aber nur betend in rechter Weise das Gewissen erforschen, also im Gespräch mit dem Herrn, in dessen Licht wir uns betrachten. Noch wichtiger ist das bei der Anklage: Die Anklage ist kein vielleicht ängstliches oder auch schnell erledigtes Hersagen von Sünden, sondern Anklage ist Gebet. Vor Gott bekennen wir unsere Sünden. Viel Leichtfertigkeit und ebensoviel Ängstlichkeit wäre in der Wurzel abgetan, wenn man das nicht vergessen würde: Betend, in Gebetsform, als Anklage vor dir, du heiliger Gott, als anbetende Anerkennung deiner Heiligkeit, gegen die ich mich verfehlt habe, bekenne ich meine Schuld.
Der Priester ist bei dieser Anklage dabei als „qualifizierter Zeuge". Den Priester interessieren diese Sünden herzlich wenig. Er hat sie nach ein paar Minuten, über andere Sünden, schon wieder vergessen. Er hat, Gott sei Dank, auch nicht die Pflicht, sich diese Sünden einzuprägen, um sie im Gedächtnis festhalten zu können. Sünde ist etwas Häßliches. Sie könnte gar nicht als solche zu einem Sakrament gehören. Deshalb sind auch gar nicht die Sünden als solche Bestandteil des Bußsakramentes. sondern die Reue über die Sünden oder die Sünden als bereute, was sie wesentlich verändert. Die Anklage ist keine Aufzählung, sondern ein Gotteslob. Indem ich mich als Sünder bekenne, anerkenne ich die durch die Sünde verletzte Oberherrschaft Gottes. Du bist der Heilige, ich bin ein Sünder. Erbarme dich meiner Wer die Anklage so sieht, hat die rechte Einstellung. Dann ergibt sich alles andere von selber.
„Persönliche Beichte" soll heißen, daß wir Ernst machen mit dem „ich bekenne", also meine Sünde! Also nicht: „Man ist halt manchmal ungeduldig…" Keine zwei Sünden sind ganz gleich. Jeder hat seine Gnaden, jeder hat seine Erkenntnis, seine Belastung.

Wir wollen deshalb alle nichtssagenden, allgemeinen Anklagen meiden: Es sagt gar nichts, wenn jemand, der vielleicht nach langer Zeit wieder beichtet, sich anklagt: Ich war unandächtig beim Beten. Gemeint ist mit diesem Ausdruck „Andacht" (einer schlechten, sehr ungenügenden Übersetzung eines tiefen lateinischen Ausdrucks: devotio, devotus): die Hingabe an Gott, an Gottes Willen, also das Entscheidende beim Beten. Wir denken aber gewöhnlich bei „unandächtig", daß wir zerstreut waren, nicht "darangedacht" haben. Das ist gar nicht gemeint. Das kann auch ohne jede Schuld so sein. Aber nach dem Wesentlichen müßten wir uns jedesmal fragen: Fördert mein Beten meine Hingabe an Gottes Willen? Dein Wille! Ohne Zerstreuung können wir nicht immer beten. Eine Mutter mit vielen Sorgen wird kaum einmal „andächtig" im Allerweltssinn beten können. Das braucht sie auch gar nicht. Wenn ihr beim Beten ihre Kinder und der ganze Haushaltskram einfallen, so ist das keine „Unandacht", sondern nur Gelegenheit, all das ins Gebet hineinzunehmen und es wieder in Hingabe an Gottes Willen auf sich zu nehmen. Das heißt für sie gut beten. Und wenn eine, die es schön und bequem hat, ohne Zerstreuungen und Ablenkung beten kann, so täuscht sie sich sehr, wenn sie meinen wollte, ihrem Beten fehlte nichts. Es fehlt nämlich sehr viel: das konkrete Material, die Sorgen der obengenannten Mutter, die sie doch mittragen müßte. Manche frommen, „andächtig" betenden Leute bräuchten etwas mehr .,Zerstreuung" durch das Denken an die schweren Sorgen der Weltmission, durch das brennende Anliegen der Einheit aller Christen, durch die Belastung mit den Leiden und Nöten der Kranken und Sterbenden. „Andächtig" im Allerweltssinn dieses viel mißbrauchten Wortes zu beten ist gar kein Ideal. Wir wollen solche nichtssagenden Formulierungen weglassen. Nach der Feststellung, daß jemand ,,unandächtig" gebetet habe, beginnt die Gewissenserforschung erst: Was meine ich damit ? Wo fehlt es in meinem Beten? Was stört mein Beten innerlich, wesentlich?

Ähnlich ist es mit der farblosen Allerweltsanklage: Ich war lieblos. Das sind wir alle. Uni das festzustellen, braucht es keine Sekunde Gewissenserforschung. Nach solcher Feststellung beginnt sie erst: Wo fehlt es da, warum bin ich lieblos? Immer dieses unerbittliche „Warum", mit dem Kinder fragen. Vielleicht ist die Lieblosigkeit bei jemand einfach Nervosität oder gar nur Überbelastung mit Arbeit oder Sorgen. Dann wird er ruhig überlegen müssen, wie es am besten gehen wird, andere doch nicht zu viel damit zu plagen. Bei einem anderen kann die Lieblosigkeit aus mangelndem Glauben kommen: Er sieht den anderen gar nicht mehr mit christlichen Augen. Das sind doch wesentliche Unterschiede. Die nichtssagende, unpersönliche Anklage, die oft noch durch wortreiche ,,Beichtspiegel" gefordert wird, verdeckt all das. Es geht nicht um eine möglichst lückenlose Aufzählung, also nicht um Bemühung in die „Breite", sondern um ein Loten in die Tiefe.
Schon damit wir uns nicht an Formulierungen gewöhnen, sollte man abwechseln. Sonst ist das Herz nicht mehr dabei. Freilich ist es nicht damit getan, daß man statt „Ich war nachlässig im Beten" sagt: „Ich habe mir beim Beten zu wenig Mühe gegeben": reden wir so, wie auch sonst im Alltag, natürlich nicht ordinär. Aber doch praktisch, konkret, vernünftig! „Ich mag meine Nachbarin nicht, weil sie einmal etwas über mich gesagt hat." Das ist knapp, erschöpfend, gibt die Möglichkeit der Anknüpfung für einen praktischen Rat. „Ich habe aus Angeberei gelogen." Das ist wieder knapp, und doch ist eine Alltagssituation kurz belichtet. Den wirklichen Alltag sollen wir einfangen, unser persönliches Leben. Wer beichtet, sollte das Empfinden haben: Das bin jetzt wirklich ich. Viele Beichten passen auf Tausende ohne jede Änderung. Da ist es doch schade um den umständlichen „geheimen Apparat". Da könnte man ja auch eine einmal besprochene Platte hineinreichen oder auch sagen: Das steht im Gebetbuch Seite...
Anklage im Bußsakrament ist Bekennen meiner persönlichen, einmaligen und von mir zu verantwortenden Schuld vor dem heiligen Gott, der zugleich der barmherzige ist. Das gibt der Anklage ihren Ernst, ihre Korrektheit und zugleich ihr Vertrauen.

(Josef Eger)