November 2009

Liebe Leser, geschätzte Pfarrangehörige,

in meinen Studentenjahren bin ich gern im Spätherbst auf den Zentralfriedhof in Wien gefahren. Besser gesagt, auf den alten jüdischen Friedhof. Dort konnte man in völliger Stille durch lange Alleen wandern, ohne einem Menschen zu begegnen, vorbei an unzähligen Grabsteinen und Mausoleen, die dem Verfall preisgegeben waren: Eine untergegangene Welt. Auf den Grabsteinen waren die Namen der Verstorbenen zu lesen; Berühmtheiten, ganze Generationen aus gutem Haus. Was sind schon hundert Jahre? Beim Anblick dieser verfallenen Pracht erschrickt man über den Genozid, der hier ein grauenhaftes Ende in den meisten Fällen für die Familien, die hier ihre Lieben begruben, gebracht hat. Und man beginnt weiter zurück zudenken, hinein in die Geschichtsbücher, die uns aufgeschrieben haben, was Menschen an Gutem und Schlechten verübten.

Erstaunt stelle ich heute fest, wie gleichgültig und hochmütig mit dieser Vergangenheit umgegangen wird. Je weniger Sachwissen man besitzt, desto oberflächlicher nimmt man das Geschehene der Jahrhunderte hin. Unsere ultra-digitalisierte (Schein)Welt meint, mit einem Tastendruck alles abrufen und aktuell werden lassen zu können.

Keiner will angeblich „ins finstere Mittelalter“ zurück. Abgesehen, dass das ja auch nicht möglich sein kann, empfinde ich diesen Ausspruch als Zeichen der Dummheit. Er verletzt die Menschen, die damals lebten und Zeitzeugen einer lichten und blühenden Ära waren:
Da schrieb eine Hildegard von Bingen ihre einzigartigen Visionen nieder und lehrte die Kunst des Heilens. Da wuchsen Kathedralen und Kirchen der Gotik in den Himmel und lehren bis auf den heutigen Tag die Besucher das Staunen und die Ehrfurcht vor dem Können der damaligen Handwerker. Da stand die Medizin in der arabischen Welt auf höchstem Niveau.
Da wurde ein Kaiser Friedrich II „Stupor mundi“ , das Staunen der Welt genannt, weil er eine einzigartige Harmonie zwischen Christentum, Judentum und Islam erreichte. Wenige Beispiele für eine großartige Zivilisation.

Wie wird man einmal über uns urteilen? Wer wird das entscheidende Wort sprechen? Früher sagte man: „Was einer ist, was einer war, beim Sterben wird es offenbar.“ Die früheren Jahrhunderte lehrten die „ars moriendi“, die Kunst des Sterbens. Wird sie heute noch aktualisiert? Mag Gott uns den Mut und die Gnade schenken, täglich dem Heimgehen, dem Abnehmen, dem Reichwerden an geistlichen Schätzen Interesse zu widmen.
Über dem Friedhofstor von Klamm steht inwendig zu lesen: „Cras tibi“, „morgen du“. Das hat nichts mit Angstmacherei zu tun, sondern mit Realitätssinn, gutem christlichen Verantwortungsdenken Gott und seiner Schöpfung gegenüber.

Gute Gedanken wünsche ich Ihnen diesbezüglich in diesem Monat,