Oktober 2004

Liebe Geschwister im Herrn,

lesen Sie eigentlich gern? Ich meine jetzt weniger die Zeitung oder ein gutes Buch. Meine Frage bezieht sich auf den Lesestoff „Mensch“. Sie sind ratlos?Nein, allen Ernstes, der interessanteste Roman ist unsereiner. Menschen und ihr Leben sind das spannendste, was man sich vorstellen kann. Augen, Gestik, die Körpersprache geben uns viel Einblick in das Leben. Fangen Sie doch einmal an damit, wenn Sie Ihre vier Wände verlassen. Schauen Sie näher hin, wie die Menschen Ihnen begegnen. Ich tue das täglich, wenn ich etwa nach Maria Schutz fahre. Ja, das geht – mit aller Rücksicht auf den Verkehr natürlich – auch vom Auto aus. Täglich nehme ich Menschen auf in mein Denken. Ich sehe sie in ihrer Freundlichkeit, wenn gegrüßt wird, miteinander geplaudert wird. Ich sehe verschlossene Gesichter, abweisende und vereinsamte Haltungen. Aus dieser Aufnahme ins Denken wird dann ein An-denken. Was bedeutet das? Ich „sammle“ diese Menschen und bringe sie dann am Abend in meinen Gebeten vor Gott.

In den wenigsten Fällen kann man mit diesen Menschen durch das Gespräch näher kommen. Daher ist es gut und beruhigend, wenn ich dem Herrn alle vorstelle und sie seiner hilfreichen Hand empfehle. Mir kommt immer der Vergleich mit einem großen Mosaik. Jeder seiner Teilchen ist ein lebendiges Wesen, ein Geschöpf und Ebenbild Gottes, die ich täglich einfüge und Gott zeige. Was dabei an Vermehrung zum Guten entsteht, vermag ich nicht zu ermessen. Ich weiß aber ganz sicher, dass Gott keinen übersieht und schon gar nicht die Bitte für den Nächsten außer Acht lässt.
Ich überlege das hier deshalb, weil im Oktober wieder so viele Menschen das Rosenkranzgebet pflegen. Dieses Beten ist ja zunächst ein „Lesen“ im Leben Jesu und seinem verwirklichten Plan, uns Menschen zu erretten. Der Rosenkranz führt durch drei Dimensionen: Die freudenreichen Geheimnisse erinnern uns an die frohen Begebenheiten in Jesu Leben, angefangen vom Wachsen im Mutterschoß. Die schmerzhaften Geheimnisse öffnen die Herzenhärte des Menschen und das damit verbundene Leid, das durch Jesu Passion gelöst und erlöst wird. Alles Irdische wird in den glorreichen Geheimnissen überwunden; die herrliche Zukunft offenbart. In dieses Beten dürfen wir wiederum unsere Umwelt mit hinein nehmen.

Jeden Montag soll in der Pfarrkirche Semmering dieses Rosenkranzgebet verlebendigt werden. Ich weiß natürlich, dass die kleine Kirche nicht aus Platzmangel geschlossen werden wird. Aber ich hoffe, dass sich ein kleiner Kreis finden wird, der hier für unsere Mitmenschen vor Gott tritt und sie zu ihm bringt.
Es grüßt und segnet Sie herzlich…